Die Orgel in der Stadtkirche St. Veit

Haußdörffer-Orgel in der Stadtkirche St. Veit, Waldenbuch

Die Haußdörffer-Orgel in der Stadtkirche St. Veit wurde 2010 250 Jahre alt. Waldenbuchs Evangelische Kirchengemeinde kann sich glücklich schätzen, eine Denkmalsorgel in ihrer seit 1989 in zarten Farben leuchtenden Stadtkirche zu besitzen. Im Zuge der damaligen Kirchenrenovierung wurde ihr bescheidenes Rohholzgewand kunstvoll marmoriert, ihr Maßwerk vergoldet, die Pfeifen und das Spielwerk wurden gereinigt. 2011 war es wieder an der Zeit für eine neue Ausreinigung und die Überholung der Mechanik. Dank vieler Spenden von Gemeindegliedern und Orgelfreunden während der letzten Jahre war dies möglich geworden. Nach einer vierwöchigen intensiven Arbeit von Orgelfachleuten ist das historische Instrument jetzt wieder technisch völlig in Ordnung und hat klanglich an Frische und Ausgeglichenheit hörbar gewonnen. Anstelle der früheren Stimmung nach Kirnberger II hat sie nun die Barockstimmung nach Neidhardt „kleine Stadt“ erhalten.

Immer im Blickfeld der Gemeinde, um das Rundfenster des Renaissance-Giebels im Osten herum gebaut, eingerahmt von zwei großen Fenstern, eignet sich diese Orgel wegen ihrer differenziert klingenden Stimmen, vor allem derjenigen aus dem Jahr 1760 und den 1971 von Orgelbau Richard Rensch, Lauffen am Neckar hinzugefügten, besonders für die Musik der Renaissance und des süddeutschen Barocks.

Es war nicht genau bekannt, welcher Haußdörffer aus Tübingen die Orgel gebaut hat, Johann Carl Sigmund oder Christian Gotthilf, dessen Neffe. Walter Supper schrieb 1971: „Bei der Restaurierung des Gehäuses traten in der Schnitzerei über dem Mittelfelde des Kronwerks die Initialen C – G – H doppelt, also auch in spiegelbildlicher Darstellung, zutage.“ Damit war für ihn nachgewiesen, dass Christian Gotthilf der Erbauer sei. [1]

Wie viele Vorgängerinnen die Haußdörffer-Orgel in der 400-jährigen Geschichte der Stadtkirche hatte, ist unbekannt. Gerhard Rehm und Eugen Gröner berichten nur von einer [2]:

„1698 wünschen die Bürger Waldenbuchs «in ihre schöne und wohlständig gehaltene Kirche eine Orgel für das Choralsingen gleich in anderen Orten». Mit dem Orgelmacher in Stuttgart (vielleicht Johannes Würth) »accordieren sie, dass er eine neue Orgel machen und stellen soll, alles pro 190 Gulden«. Die Orgel, ursprünglich auf einer Westempore, zugleich Fürstenstand, wird 1707 auf eine Empore an der Ostwand versetzt.

Eine neue Orgel baut 1760-1761 der Tübinger Orgelmacher Christian Gotthilf Haußdörffer (1725-1761), aus Eibenstock im Erzgebirge stammend. Sie erhält ein Manual mit elf und ein Pedal mit drei Registern und wird wie ihre Vorgängerin, auf die Ostempore gestellt. Ihr wegen des schönen Rundfensters zweigeteilter Prospekt wird durch ein Kronwerk (leer, mit nur wenigen klingenden Prospektpfeifen) wie durch eine Spange verbunden.

Um 1800 werden Feuchtigkeitsschäden behoben. 1844 wird die Orgel, wie ein eingeklebter Zettel berichtet, von zwei Orgelbauergehülfen aus »Walckers Werkstelle« von Grund auf repariert. 1933-1934 baut Firma Weigle, Echterdingen die Pfeifen der sieben Metallregister neu nach den alten Mensuren; die sieben Holzregister aus Eichenholz bleiben erhalten.

1971 wird die Orgel von Firma Rensch, Lauffen am Neckar denkmalgerecht restauriert und um ein zweites Manual erweitert, dessen Windlade und Pfeifen in das bisher leere Kronwerk gestellt werden. Wie die beiden alten Werke erhält auch das neue Oberwerk Schleiflade und mechanische Traktur.“

 

[1] Waldenbucher Gemeindebrief, Festschrift Haußdörffer-Orgel, Waldenbuch
Beilage zum Evang. Gemeindeblatt für Württemberg und zum Stuttgarter Evang. Sonntagsblatt, Oktober 1971

[2] Helmut Völkl: Orgeln in Württemberg, Hänssler-Verlag, 1986.
(110. Veröffentlichung der Gesellschaft der Orgelfreunde)

Disposition der Haußdörffer/Rensch-Orgel

 1. Manual (1760)
  1 Violdigamb 8’
  2 Spitzflöte 4’
  3 Holzflöte 8’ *)
  4 Klein-Gedeckt 4’ *)  
  5 Grob-Gedeckt 8’ *)                                   
  6 Bourdon 16’ *)
  7 Mixtur 4 fach
  8 Octav 2’
  9 Quint 3’
10 Octav 4’
11 Principal 8’

2. Manual (1971)
12 Tremulant
13 Tertia aus 2’
14 Nasard 3’
18 Scharff 3 fach, 1’
19 Praestant 4’
20 Gedeckt 8’
21 Rohrflöte 4’
22 Gemshorn 2’
23 Quint 1 ½’

Pedal (1760) 
15 Flötbaß 4’ *)
16 Octavbaß 8’ *)
17 Subbaß 16’ *)

Koppeln:   1/P, 2/P, 2/1

*) originale Eichenholzregister

Umfang: Manuale C – c’’’ (4 Oktaven), Pedal C – c’ (2 Oktaven)
Normalkoppeln, Schleifladen, mechanische Traktur

Stimmung: von 1971 bis 2011: Kirnberger II, ab September 2011: Neidhardt (kleine Stadt)
Stimmton a’= 438 Hz bei 17 °C (nach umgehängter Traktur), original a’= 457 Hz (vor 1988) 

S. Koch