Freitagabendgebet, Feierabendgebet, Guten-Abend-Gottesdienst…?

Welchen Namen würden Sie unseren Treffen geben? Wir haben zwar beiläufig auch darüber gesprochen, aber nie wirklich darüber nachgedacht oder gar eine Entscheidung getroffen. Der Name Freitagabendgebet war wie selbstverständlich von Anfang an da, – und er war von Anfang an ein wenig irreführend: Seit nun zehn Jahren gibt es dieses regelmäßige Treffen in unsrer Stadtkirche Sankt Veit. An jedem Freitagabend um 19 Uhr kommen wir für etwa 40 Minuten zusammen.

Wir sitzen in einem Stuhlkreis zwischen dem Altar und den ersten Stuhlreihen, jemand hat einen Impuls mitgebracht, einen Bibeltext, eine Geschichte, einen Zeitungsartikel, ein Symbol.
Jedenfalls etwas, was ihn beschäftigt. Wir reden miteinander, hören aufeinander, tauschen uns aus, diskutieren auch. Das ist ein wichtiger Unterschied zum Sonntagsgottesdienst: Wir schätzen dieses lebendige Hin und Her, das wir in den ersten Jahren selbst erst lernen mussten.
Darüber sind uns weitere Elemente wichtig wie Singen, Beten, Stille, Ernst, Freude, Ehrlichkeit, Nachdenklichkeit, Toleranz.
Wir treffen uns in der Kirche, weil wir dort einen spirituellen Ort erleben, fast so etwas wie eine Verbundenheit mit den Menschen, die vor uns dort gebetet und gesungen haben, gerechtet und geklagt, die dort gehört und nachgedacht haben.
Die Stille wird spürbar. Wir finden zur Ruhe – nicht selten nach einer anstrengenden Woche. Das tut gut. Und natürlich ist dort in der Kirche jene Offenheit für jeden Interessierten gegeben, die uns erstrebenswert scheint. Die Hemmschwelle dazuzustoßen ist niedriger als in einem privaten Raum.

»Was ist das Geheimnis der Religion?«, wurde der Meister von einem Geschäftsmann gefragt. »Ich habe nicht viel Zeit. Kannst du mir eine Antwort in zehn Minuten geben?« »Ich kann dir die Antwort in zehn Sekunden geben«, antwortete der Meister. »Das Geheimnis jeder Religion ist Stille.«
(nach Anthony de Mello)

Siegfried Schulz